ZG09110301 - 03.11.2009
Permalink: http://zenit.org/article-18978?l=german

Endzeit und entlarvte Blindheit


Kurt Anglet weist auf Defizite in der neueren Theologie hin und schreibt ein Stück katholischer Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts


Von Klaus Berger

WÜRZBURG, 3. November 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org). Am Abend nach Stalins Tod fand sich die gesamte Sowjetführung im Swerdlow-Saal des Kreml ein, Menschen, sie sich von vielen Begegnungen her kannten, „saßen eng beieinander, Schulter an Schulter, sahen einander an, ohne eine einzige Silbe zu sagen. Niemand fragte etwas. Mir war, als hätte keiner der Anwesenden auch nur das Verlangen zu sprechen. Im Saal herrschte solche Stille, dass, hätte ich diese Stille nicht vierzig Minuten miterlebt, ich nie für möglich gehalten hätte, dass dreihundert dicht bei dicht sitzende Menschen so schweigen können“ (K. Simonow). In seinem neuen Buch über Geschichtstheologie kommentiert Kurt Anglet diese Szene: „In solcher Stille meldet sich der Einbruch des Ewigen in die Zeit an, wird, das Gericht antizipierend, die Unwiderrufbarkeit des Geschehenen offenbar. Hier liegt der Schnittpunkt von Jetztzeit und Endzeit, in dem die Immanenz der Geschichte durchbrochen wird.“ „Und aus diesem Grunde“, fährt Anglet fort, „muss jeder Versuch einer Synthese von christlicher Theologie und Deutschem Idealismus scheitern, weil dieser jedwede Verantwortung des Menschen vor dem göttlichen Richter leugnen muss, um eine absolute Immanenz des menschlichen Geistes zu behaupten, in dessen Geschichte sich das Böse am Ende zum Guten wandelte.“

Für Christen dreht sich alles um die Wiederkehr Christi

Kurt Anglet, Professor am Berliner Priesterseminar Redemptoris Mater, Priester seit 2002, besitzt den Mut, die Diskussion um das Thema „Endzeit“ in Philosophie und Theologie des 20. Jahrhunderts kritisch aufzugreifen. Für Christen dreht sich in der Endzeit alles um die Wiederkunft Christi zum Gericht, sein zweites Kommen ist die Bruchstelle zwischen dem alten und dem neuen Äon. Aber Endzeit beginnt schon vorher, ist, wie das Neue Testament sagt, schon jetzt. Nach dem zweiten Kapitel des Zweiten Thessalonicherbriefes wirkt auch das Böse schon jetzt, doch geheimnisvoll verborgen. Denn ein Etwas oder ein Jemand hält das Sichtbarwerden des Widersachers, die Enthüllung des Antichristen, auf. Dies ist der berühmte „Aufhalter“, der oder das Hemmende, wodurch die Endphase, die Stunde der offenbaren Wahrheit sich verzögert. Unter den vielen Deutungen, die vergangene Jahrhunderte dem „Aufhalter“ gegeben haben, ragen im 20. Jahrhundert zwei hervor, die von Erik Peterson (geb. 1890) und die von Carl Schmitt (geb. 1888). Beide Lösungen weist Anglet ab. Peterson hatte gesagt, das Aufhaltende sei der fortbestehende Unglaube der Juden. Er verhindert ihre Bekehrung und damit das Kommen des Weltendes. Zu Röm 11, 15 folgerte Peterson im Umkehrschluss, durch den Unglauben Israels werde die Auferstehung aufgehalten. – Es besteht aber nach dem Neuen Testament kein Anlass, speziell den Unglauben der Juden für die Verzögerung des Weltendes haftbar zu machen; eher ist es die Völkermission (Mk 13, 10).

Nach dem Staatsphilosophen Carl Schmitt dagegen ist der Aufhalter eine positive Größe, nämlich die autoritären Systeme (zu deutsch: Diktaturen), die die allgemeine Auflösung, die von demokratischen Regimen zu erwarten ist, segensreich aufhalten. Denn die autoritären Systeme seien „stabilisierend“. – Anglet zeigt überzeugend, dass der Aufhalter nur eine negative, sogar judenfeindliche Macht sein muss. Den Nachweis führt er professionell anhand biblischer Vergleichstexte. Wichtig ist für ihn Daniel 12: „Wenn der am Ende ist, der die Macht des heiligen Volkes zerschlägt, dann wird sich alles vollenden“. Das heißt: Wenn die Macht aufgibt, deren Wille die Vernichtung Israels ist.

Für Anglet selbst ist der Aufhalter bestimmt durch die vier Arcana des Bösen: Macht, Lust (Sex), Geld und Technik. Für das Wie dieser Wirksamkeit des Bösen weist Anglet zu Recht auf das Prinzip der Nachäffung. Immer besteht das Böse darin, dass Werte vorgegaukelt werden, aber schon der nächste Schritt führt in die Bodenlosigkeit. Schon der alte Ausleger Primasius (6. Jahrhundert) fand die schöne Formel „Agnum fingit, ut agnum invadat“, das heißt der Antichrist äfft das Lamm – Christus – nach, um es zu unterwandern. In der Tat ist eine nur moralische Beurteilung des Antichrist als „Bösewicht“ viel zu harmlos. Die Macht, die zu ahnen ist, ist eine „wissende“, die „Maßnahmen“ ergreift.

Den auf den Hemmenden folgenden Antichrist deutet Anglet als Typus, nicht als Einzelfigur, also als eine bestimmte Sorte politischer Machthaber; schon im ersten Johannesbrief erfolgt eine Deutung des Antichrist auf viele Antichristen. Der Antichrist kommt, weil Christus erschienen ist. – Interessant und aktuell sind die Deutungen des „Aufhalters“ auf wachsende Schuld und zunehmende Verschuldung. Denn hier wächst in der Tat etwas im Verborgenen heran, das sich irgendwann als umfassender Bankrott äußert.

Das Verdienst des Buches von Anglet besteht darin, dass er auf ein erschreckendes Defizit in der neueren Theologie seit dem Barockzeitalter hinweist: Schon in der Gegenreformation denkt man bei dem Wort „Ende“ nur an den Tod, später verfällt man in Melancholie und Nostalgie, Reinhold Schneider betrauert in seiner Geschichtstheologie rückwärts gewandt die Unwiederbringlichkeit. Dem Zweiten Vaticanum bescheinigt Anglet eine „kümmerliche Eschatologie“, und die neue Liturgie lässt den Aufhalter aus 2 Thess 2 nirgends zu Worte kommen. „Offensichtlich schaut die heutige Kirche mit blinden Augen ihrer eigenen Zukunft – immerhin der Wiederkunft des Menschensohnes und dem Kommen des Gottesreiches – entgegen; offensichtlich will sie die Konstellation von Jetztzeit und Endzeit nicht wahrhaben.“ Dabei ist doch die Wahrheit der Geschichte von ihrem Ende her zu denken, und der Messias kommt wieder als Überwinder des Antichrist. Doch für Theologie und Kirche gilt: „Man betet viel, aber man hofft wenig“.

Die Eucharistie: Ausblick auf den neuen Äon

Dagegen ist schon das Messopfer von Anfang an zu feiern „im Lichte der Auferstehung und Wiederkunft“. Dem entspricht, dass nach meiner eigenen These (in: „Die Urchristen“) an jedem Sonntag der achte Tag gefeiert wird, denn die Messe ist der Ausblick auf den neuen Äon.

Die Autoritäten, mit denen Anglet diskutiert und die er ausführlich zu Wort kommen lässt, sind Walter Benjamin (geb. 1892), Erik Peterson (geb. 1890), Paul Klee (geb. 1879), Reinhold Schneider (geb. 1903), Romano Guardini (geb. 1885), Oswald von Nell-Breuning (geb. 1890) und nicht zuletzt Alois Kardinal Grillmeyer (geb. 1910), dem besonders der Anhang über „Substanz und Werden“ gewidmet zu sein scheint. Anglet schreibt damit auch ein Stück Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts, vor allem katholischer. Wie wäre es, wenn man in der Tat christliche Theologie von der Offenbarung des Endes der Zeiten her betreiben wollte und könnte? Der Sinn des Aufschubs des Endes wäre dann auch, zur Umkehr zu bewegen.

[© Die Tagespost vom 3.11.2009. Kurt Anglet: Macht und Offenbarung. Zum Geheimnis der Gesetzwidrigkeit. Echter Verlag, Würzburg, 2009, gebunden, 266 Seiten, ISBN-10: 3429031737, EUR 19,80]


© Innovative Media, Inc.

Die Weiterverwendung der ZENIT-Dienste ist nur mit ausdrücklicher Erlaubnis gestattet.
Wenden Sie sich bitte an info-autorenrechte@zenit.org .



Weiterleiten Beitrag kommentieren
Druckformat PDF-Ansicht
Anfang


ZENIT per E-Mail | RSS | Geschenkabo | Weiterempfehlen | Spende

| Nutzungsbedingungen | Beiträge und Bemerkungen senden | Kontakt aufnehmen | Startseite

© Innovative Media, Inc.

advertising

advertising

advertising