ZG09110611 - 06.11.2009
Permalink: http://zenit.org/article-19019?l=german

Das Kreuz ist das Logo Europas


Von Martin Kugler


WIEN, 6. November 2009 (ZENIT.org/Die Presse).- Als der Wiener Kardinal König 1960 nach seinem schweren Autounfall im damaligen Jugoslawien aus dem Koma erwachte, sah er an der Wand des Spitalzimmers ein Bild Titos.

Für den jungen Erzbischof war dieses Erlebnis der Anfang eines inneren Prozesses, der ihn zu einer besonderen Solidarität mit den Christen der kommunistischen Länder führte. Für uns kann das Bild dieser Situation eine Hilfe sein, mit einem Missverständnis aufzuräumen, mit dem heute in Europa Politik gemacht wird. Es handelt sich um den Irrglauben, echte Religionsfreiheit sei dann gegeben, wenn eine Gesellschaft frei von Religion ist, oder – etwas diplomatischer formuliert: Laizismus ist die adäquate Weise, in der der Staat seine Neutralität ausdrückt. Dieses Missverständnis, das zur Zeit durch ein Gerichtsurteil des EGMR propagiert wird, beruht auf zwei Annahmen, die in einem vernünftigen, frei von Vorurteilen geführten Diskurs leicht widerlegt werden könnten.

Erstens: die Rede vom wertneutralen Staat. Sie ist schlicht naiv und Ergebnis einer Illusion.

Zweitens: die Annahme, eine Öffentlichkeit ohne jede Präsenz religiösen Lebens oder religiöser Symbole wäre eine „tolerantere“ oder der Gewissensfreiheit angemessener als ein „Public Square“ der Äußerungen religiösen Glaubens zulässt oder sogar fördert.

Über die erste der beiden Voraussetzungen unseres Missverständnisses darf man eigentlich lachen: wertneutraler Staat? Gegenüber Steuerhinterziehung und Korruption? Gegenüber Fremdenhass und Diskriminierung? Gegenüber Umweltsünden und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz? Ein Staat, der Neonazis verbietet, Pornographie erlaubt, bestimmte Formen der Entwicklungshilfe steuerlich begünstigt und andere nicht… alles aufgrund neutraler Werte?

Da will uns doch jemand für dumm verkaufen. Schon Goethe wetterte gegen den Unsinn, von „liberalen Ideen“ zu reden. Ideen sollen womöglich gut oder richtig sein, liberal soll unsere Haltung gegenüber Menschen mit anderen Ideen sein. Die Rede vom wertneutralen Staat kann ich als Historiker nur so interpretieren: Sie ist eine etwas verspätete Überreaktion europäischer Intellektueller gegen das Bündnis von Thron und Altar vergangener Zeiten.

Die zweite Annahme muss man hingegen ernster nehmen: Der große jüdische Rechtsgelehrte Joseph Weiler meinte angesichts der Debatte über den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung: Er als Angehöriger einer religiösen Minderheit fühle sich in einer Gesellschaft besser aufgehoben, die ihre religiösen Symbole respektiert, als in einer laizistischen, die selbst missionarisch gegen jede Glaubensäußerung vorgeht und zudem ihre Wurzel verleugnet. Man könnte noch hinzufügen: Auch die Demontage der Kreuze in einem öffentlichen Spital und die verbleibenden weißen Wände sind ein Zeichen, bergen eine Symbolik und senden Signale an einen sterbenden Patienten, der zu ihnen hinaufblickt.

Natürlich könnte sich die atheistische Mutter eines Schuldkindes durch das Kreuz im Klassenzimmer belästigt fühlen. Doch das ist unvermeidbar. Auch ich fühle mich belästigt, wenn ich beim Betreten jedes österreichischen Postamts ein Foto des Bundespräsidenten erblicke, den ich nicht gewählt habe. Oder wenn ich am Weg zum Kindergarten meiner Tochter die von mir mitfinanzierten Plakate der Gemeinde Wien betrachten muss. Beeinflussung, ideologische Signale, visuelle Präsenz, übrigens auch sexistische, wird es immer und überall geben. Die Frage ist nur, in welcher Form und mit welchem Inhalt. Und da soll sich der Staat nur sehr maßvoll einmischen. Und wenn, dann nicht durch Verbote, die die Religion ins Ghetto einsperren. Das Kreuz ist heute weniger denn je ein Zeichen des Zwanges, sondern eines der Identität und des Zusammenhalts Europas. Und deshalb hat es nicht nur Kardinal König im jugoslawischen Spitalszimmer gefehlt. Es würde auch mir und meinen kirchenfernen Freunden fehlen: Auf den Berggipfeln der Schweizer Alpen, den Kirchen Burgunds und den Rettungswagen des Roten Kreuzes. Das Kreuz ist für den Christen Anspruch und Geheimnis. Aber für Europa ist es das erfolgreichste und beste Logo aller Zeiten. Es soll sichtbar bleiben.

[Dr. Martin Kugler studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Kommunikation und leitet die Agentur Kairos Consulting in Wien. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis von: Die Presse, 6.11.09]


© Innovative Media, Inc.

Die Weiterverwendung der ZENIT-Dienste ist nur mit ausdrücklicher Erlaubnis gestattet.
Wenden Sie sich bitte an info-autorenrechte@zenit.org .



Weiterleiten Beitrag kommentieren
Druckformat PDF-Ansicht
Anfang


ZENIT per E-Mail | RSS | Geschenkabo | Weiterempfehlen | Spende

| Nutzungsbedingungen | Beiträge und Bemerkungen senden | Kontakt aufnehmen | Startseite

© Innovative Media, Inc.

advertising

advertising

advertising